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Hauptstadt des Reichslandes und Modernisierung der Stadt (1871-1939)

Ab 1871 wurde Straßburg tiefgreifend verändert. Mit dem Bau der Neustadt verdreifachte sich die Größe der Stadt, die Hauptstadt entstand. Der Begriff „Agglomeration“ markierte im 20. Jahrhundert eine neue Etappe der Stadtentwicklung.

Der 1871 zwischen dem Deutschen Reich und der Französischen Republik geschlossene Friede von Frankfurt beendete den Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871). Frankreich musste das Elsass und Lothringen an das neu gegründete Kaiserreich abtreten. Straßburg, bislang Präfektur des Departements, wurde Hauptstadt des Reichslandes Elsass-Lothringen. Das Stadtbild veränderte sich maßgeblich mit dem Bau der Kaiser-Wilhelm-Universität, neuen Ministerien und Verwaltungsgebäuden. Die Stadt erfuhr einen industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung und wurde modernisiert, um ihren Einfluss das gesamte Gebiet des Oberrheins auszudehnen. Sie wurde zu einer Festung ausgebaut, die es nun nach Frankreich hin zu verteidigen galt. Im Zuge der Germanisierung wurde der Zuzug von Deutschen gefördert, besonders von Beamten und Militärangehörigen, die im Fall eines Konflikts mit Frankreich das Deutsche Reich verteidigen sollten.

Die Neustadt, das Zentrum der Macht

Damit die Stadt ihren neuen Status als Hauptstadt erfüllen konnte, wurde sie radikal erweitert. Die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts geplante Ausdehnung des Stadtgebietes über die Befestigungsanlagen des 18. Jahrhunderts hinaus kam wieder auf die Tagesordnung.

Nach einigen Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiserreich und der Stadt Straßburg wurde 1875 eine Erweiterung beschlossen, die die Fläche der Stadt verdreifachen sollte. Der Bürgermeister beauftragte zwei Architekten mit der Ausarbeitung des Plans: den Straßburger Stadtarchitekten Jean-Geoffroy Conrath, und den Berliner Gustav Orth. 1878 präsentierten beide Architekten ihre Pläne, die von Experten aus ganz Deutschland geprüft wurden. Die Entscheidung fiel auf den Plan des Straßburger Architekten. Conrath integrierte in seinen endgültigen Bebauungsplan von 1880 jedoch auch einige Elemente seines Berliner Kollegen. Der Plan folgte in weiten Teilen den Empfehlungen von Reinhard Baumeister, Professor für Ingenieurwissenschaften und Theoretiker für Stadterweiterungen. Auf dessen Anraten wurde der Erweiterungsplan durch Verwaltungsvorschriften ergänzt, die seine Umsetzung gewährleisten sollten.

Unter dem Einfluss der künstlerischen Grundsätze des österreichischen Architekten Camillo Sitte unterlag die Stadtentwicklung ab 1895 leichten Veränderungen.

Prachtvolle Architektur

Das erste wilhelminische Bauwerk des Erweiterungsplans war die Universität, die in der Neustadt die städtebaulichen Prinzipien vorgab. 1871 wurde beschlossen, in Straßburg die größte Universität des Kaiserreichs zu errichten, die vor allem auch zur Germanisierung von Elsass-Lothringen beitragen sollte. Die Kaiser-Wilhelm-Universität wurde auf den Glacis der alten Festungsanlage errichtet und bestand aus mehreren Gebäuden sowie dem Botanischen Garten, in dem das Observatorium untergebracht wurde.

Zwischen dem Kaiserplatz (Place de la République) und dem Universitätsplatz erstreckte sich eine Monumentalallee, an der die Garnisonskirche St. Paul errichtet wurde. Der prunkvolle Kaiserplatz sollte die Macht des jungen Reiches demonstrieren und lag, wie es Gustav Orth vorgeschlagen hatte, in der Verlängerungsachse der Place Broglie, dem früheren Zentrum der französischen Macht. Die Verbindung zur Altstadt wurde durch ein geschicktes Spiel mit den Perspektiven hergestellt, bei dem der spitze Turm des Münsters den Fluchtpunkt der Straße bildete, die auf den Kaiserlatz führt. Am Kaiserplatz erhoben sich die repräsentativen Gebäude und Behörden im neoklassizistischen Stil der neuen Macht: der Kaiserpalast, die Ministerien, der Landtag von Elsass-Lothringen und die kaiserliche Bibliothek. Die Kaiserliche Residenz gegenüber dem Universitätspalast markierte das äußere Ende dieser Monumentalachse.

Umstrukturierung der Grande-Ile: Der Große Straßendurchbruch

Ab 1871 wurden in der Altstadt Renovierungsarbeiten eingeleitet, um die Wunden der Belagerung vom Sommer 1870 zu beseitigen. Doch erst um die Jahrhundertwende veränderte sich das Bild der Altstadt radikal.

Bis zu dieser Zeit wurde bei Renovierungen oder Neubauten der alte Kern bewahrt oder bewusst betont. So wurden die Sparkasse und die Kleine Metzig (1901) im Renaissance-Stil und die 1905 von Fritz Beblo entworfene Thomasschule in regionalem Stil errichtet.

Das größte Unterfangen im alten Stadtzentrum war der Große Straßendurchbruch, die Grande Percée zum Zweck der Sanierung und der Verbesserung der Wohn- und Verkehrsverhältnisse. Ab 1904 wurden 135 baufällige Häuser abgerissen und rund 3000 Straßburger Bewohner aus dem Stadtzentrum umgesiedelt. Der Straßendurchbruch sollte den Süden der Stadt, der sich seit der Gründung des Rheinhafens kräftig entwickelte, mit dem Bahnhof im Westen verbinden und den Handel fördern. Vor 1918 wurde nur eine Strecke von 400 Metern realisiert, die von der Place Kléber bis zur Kirche St-Pierre-le-Vieux reichte (Rue du 22 Novembre). Das Projekt wurde später ohne grundlegende Veränderungen bis in die 1950er Jahre fortgesetzt. Zahlreiche Familien wurden in die eigens dafür geschaffene Gartenstadt Stockfeld in einem südlichen Vorort Straßburgs umgesiedelt. Stockfeld wurde von dem Architekten Édouard Schimpf entworfen und 1910 eingeweiht, was diese Gartenstadt nach der Hellerau in Dresden zur ältesten des europäischen Kontinents macht. Das Projekt war Teil des sozialen Wohnungsbaus, den die Stadtverwaltung nach der Annexion und besonders nach 1918 förderte.

Kontinuität im sozialen Wohnungsbau trotz des politischen Wandels

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Straßburg durch den Vertrag von Versailles wieder an Frankreich, wodurch die städtebauliche Entwicklung jedoch nicht beeinträchtigt wurde. Die vor 1918 begonnenen Projekte, wie der Große Straßendurchbruch, wurden in den nächsten Jahrzehnten fortgesetzt. Desgleichen wurde die Bauordnung von 1910 beibehalten, die unter der wilhelminischen Herrschaft eingeführt worden war und von der Stadt für effizienter gehalten wurde als die zur gleichen Zeit im übrigen Frankreich geltenden Bauvorschriften. Die Bauordnung unterteilte Straßburg in verschiedene Zonen, für die je nach Stadtviertel unterschiedliche Vorschriften galten, die die Gebäudehöhe, die Dichte der Bebauung und die Geländezuweisung betrafen. Sie wurde praktisch vollständig in die Bauordnung von 1923 aufgenommen.

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war von einer entschiedenen Politik des sozialen Wohnungsbaus gekennzeichnet. Die Einführung der französischen Gesetzgebung führte zu einer Vielzahl von Wohnungen auf billigem Wohnraum. Der Bürgermeister Jacques Peirotes förderte den Bau von Arbeiterwohnungen, die für die damalige Zeit über einen außerordentlichen Komfort verfügten. Mehrere Projekte des sozialen Wohnungsbau entstanden von 1930 bis 1950 zwischen der Grand’Rue und der Place de la Bourse.

Von der Stadt zum Großraum

Obwohl bereits vor 1918 die Integration der Vororte jenseits der Befestigungsanlage in Erwägung gezogen worden war, stellte das 1922 erlassene Gesetz der Zurückstufung der Stadtbefestigung Straßburgs eine Wende in der Geschichte der städtischen Entwicklung dar. 1925 wurde ein Erweiterungsplan für den Großraum Straßburg ausgeschrieben. Der Plan Laforgue für die Einrichtung, Erweiterung und Verschönerung Straßburgs wurde zwischen 1935 und 1937 teilweise umgesetzt und integrierte mehrere Vororte in das Ballungsgebiet Straßburg. Wegen des Krieges konnte der Plan jedoch nicht vollständig realisiert werden.